3. Dissoziale Persönlichkeitsstörung

3. Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Wenn soziale Regeln keine innere Bedeutung haben

Die dissoziale Persönlichkeitsstörung beschreibt ein Muster von Erleben und Verhalten, bei dem soziale Normen, Regeln und zwischenmenschliche Verpflichtungen nur eine geringe oder keine innere Bedeutung haben. Betroffene wirken nach außen oft angepasst oder charmant, gleichzeitig kann es zu einem deutlichen Mangel an Empathie, Verantwortungsgefühl und Schuldbewusstsein kommen.

 

Wichtig ist: Nicht jedes grenzüberschreitende oder aggressive Verhalten weist automatisch auf eine Persönlichkeitsstörung hin. Erst wenn sich bestimmte Merkmale über längere Zeit, in verschiedenen Lebensbereichenzeigen und zu anhaltenden Konflikten mit dem sozialen Umfeld führen, kann im klinischen Kontext an eine dissoziale Persönlichkeitsstörung gedacht werden.

 

Zentrale Merkmale und Grundannahmen

Menschen mit dissozialen Persönlichkeitszügen können ihre Umwelt häufig aus einer inneren Grundhaltung heraus erleben, in der soziale Regeln keine verbindliche Gültigkeit haben. Beziehungen werden eher funktional als emotional erlebt. Nähe, Verantwortung oder Schuldgefühle sind oft nur eingeschränkt zugänglich.

Typisch können sein:

  • Missachtung sozialer Normen und gesellschaftlicher Regeln

  • gering ausgeprägte Empathiefähigkeit

  • geringe Frustrationstoleranz

  • Neigung zu impulsivem oder aggressivem Verhalten

  • fehlendes oder kaum vorhandenes Schuldbewusstsein

  • Schwierigkeiten, aus negativen Erfahrungen zu lernen

  • die Tendenz, Verantwortung nach außen zu verlagern („die anderen sind schuld“)

Dabei fällt auf: Beziehungen können relativ leicht eingegangen werden, halten jedoch häufig nicht lange – nicht unbedingt aus Angst vor Nähe, sondern aus fehlender innerer Bindung.

 

Dazugehörige Begriffe

Im Zusammenhang mit der dissozialen Persönlichkeitsstörung werden häufig folgende Begriffe verwendet:

  • antisoziale Persönlichkeit

  • asoziale Verhaltensmuster

  • amoralische Haltung

  • psychopathische oder soziopathische Persönlichkeitszüge

Diese Begriffe beschreiben keine einheitliche Personengruppe, sondern unterschiedliche Ausprägungen innerhalb eines Spektrums.

 

Diagnostische Kriterien (orientiert an ICD-Leitlinien)

Für eine diagnostische Einordnung müssen mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum vorliegen:

  • herzloses Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer

  • deutliche und anhaltende Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen

  • Unfähigkeit, dauerhafte Beziehungen aufrechtzuerhalten, obwohl keine grundsätzlichen Schwierigkeiten bestehen, Beziehungen einzugehen

  • sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives oder gewalttätiges Verhalten

  • fehlendes Schuldbewusstsein oder mangelnde Fähigkeit, aus Bestrafung oder negativen Erfahrungen zu lernen

  • ausgeprägte Neigung, andere zu beschuldigen oder eigenes Verhalten zu rationalisieren

Diese Muster zeigen sich häufig früh und bleiben ohne Unterstützung über Jahre relativ stabil.

 

Emotionale Dynamik und innere Struktur

Nach außen wirkt die dissoziale Persönlichkeitsstruktur oft kontrolliert, überlegen oder gleichgültig. Innerlich kannjedoch ein tiefes Gefühl von Leere, innerer Spannung oder unterschwelliger Wut bestehen. Emotionen wie Mitgefühl, Reue oder echte Verbundenheit sind häufig kaum entwickelt oder abgespalten.

Aggressives Verhalten kann dabei als Ventil dienen, um innere Spannungen abzubauen. Nicht selten kommt es dadurch zu Konflikten mit dem Gesetz, weshalb sich Betroffene überdurchschnittlich häufig im forensisch-psychiatrischen Kontext wiederfinden – dies ist jedoch keine zwingende Voraussetzung.

 

Therapie und Unterstützung

Die therapeutische Arbeit mit dissozialen Persönlichkeitsstrukturen gilt als herausfordernd, ist jedoch nicht grundsätzlich aussichtslos. Ziel der Behandlung ist nicht „Umerziehung“, sondern:

  • Verbesserung der Spannungs- und Frustrationstoleranz

  • Förderung von Impulskontrolle

  • Entwicklung von Verantwortungsübernahme

  • Aufbau eines Verständnisses für soziale Zusammenhänge

  • schrittweise Etablierung moralischer Grundkategorien

Häufig kommen strukturierte Verfahren wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder andere verhaltenstherapeutische Ansätze zum Einsatz. Ein stabiler therapeutischer Rahmen ist dabei entscheidend.

 

Abschließender Gedanke

Die dissoziale Persönlichkeitsstörung zeigt, wie sehr psychische Entwicklung von frühen Bindungserfahrungen, innerer Sicherheit und sozialem Lernen geprägt ist. Sie ist kein „Charakterfehler“, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden inneren Struktur, die sich unter bestimmten Bedingungen entwickelt haben kann.

Ein differenzierter Blick hilft, zu verstehen – ohne zu verharmlosen und ohne zu verurteilen.

 

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