2. Die schizoide Persönlichkeitsstörung

2. Die schizoide Persönlichkeitsstörung

Wenn Rückzug sicherer erscheint als Nähe

Nicht jeder Mensch braucht viel Nähe, Austausch oder soziale Kontakte. Manche fühlen sich allein wohler als in Gesellschaft – und das ist völlig in Ordnung.
Bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung geht es jedoch um ein dauerhaftes inneres Muster, bei dem emotionaler Rückzug und Distanz zum zentralen Lebensprinzip werden können.

 

Was versteht man unter einer schizoiden Persönlichkeitsstörung?

Die schizoide Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch einen Rückzug von affektiven, sozialen und zwischenmenschlichen Kontakten. Betroffene wirken häufig emotional kühl, distanziert und wenig an Beziehungen interessiert.

Gefühle werden nur eingeschränkt erlebt oder gezeigt, Freude wird selten empfunden. Viele Betroffene erleben sich als autonom und unabhängig, ohne ausgeprägtes Bedürfnis nach Nähe, Bestätigung oder emotionalem Austausch.

Auch hier gilt:
Es handelt sich um eine ich-syntone Persönlichkeitsstörung – die betroffene Person empfindet ihren Rückzug meist nicht als Problem.

 

Typische Merkmale und innere Haltung

Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung können:

  • sich kaum oder nie mit Freunden treffen

  • kein Bedürfnis nach Lob oder Kritik verspüren

  • keinen Wunsch nach Partnerschaft oder Sexualität haben

  • am liebsten allein sein

  • wenig Freude oder Vergnügen empfinden

  • eine ausgeprägte emotionale Kühle und Distanz zeigen

  • zärtliche Gefühle oder Ärger kaum oder gar nicht ausdrücken

  • als Einzelgänger leben

  • wenig Interesse an gesellschaftlichen Regeln oder Konventionen zeigen

Viele Betroffene ziehen sich stark in ihre eigene Gedanken- oder Fantasiewelt zurück und empfinden diese als ausreichend.

 

Diagnostische Kriterien

(orientiert an ICD-Leitlinien)

Für eine diagnostische Einordnung müssen mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum vorliegen:

  • nur wenige Tätigkeiten bereiten Freude

  • emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachter Affekt

  • reduzierte Fähigkeit, warme oder zärtliche Gefühle sowie Ärger auszudrücken

  • Gleichgültigkeit gegenüber Lob oder Kritik

  • wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit anderen

  • Bevorzugung von Aktivitäten, die allein ausgeführt werden

  • starke Beschäftigung mit Fantasien oder Introspektion

  • kaum oder keine engen Freunde oder vertrauten Beziehungen

  • mangelndes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen

 

Beziehungen, Nähe und soziale Kontakte

Zwischenmenschliche Nähe wird häufig nicht als Bereicherung, sondern als anstrengend oder unnötig erlebt. Beziehungen werden selten gesucht, emotionale Abhängigkeit wird vermieden.

Wichtig zu verstehen:
Der Rückzug entsteht nicht aus Ablehnung anderer Menschen, sondern aus einem geringen inneren Bedürfnis nach emotionaler Bindung.

 

Inneres Erleben

Viele Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstruktur berichten, dass sie sich innerlich ruhig, stabil und unabhängig fühlen. Gleichzeitig kann es zu:

  • depressiven Verstimmungen

  • psychosomatischen Beschwerden
    kommen – meist dann, wenn äußere Anforderungen emotionale Nähe erzwingen.

Ein ausgeprägter Leidensdruck fehlt jedoch häufig.

 

Therapie und Unterstützung

Eine Therapie wird selten aus eigenem Antrieb begonnen, sondern eher aufgrund sekundärer Beschwerden wie Depressionen oder körperlicher Symptome.

Therapeutisch steht im Vordergrund:

  • die Förderung der affektiven Wahrnehmung

  • das behutsame Erlernen sozialer Integration

  • das Entwickeln eines Zugangs zu eigenen Gefühlen

Ziel ist nicht, jemanden „umzuerziehen“, sondern Wahlmöglichkeiten zu erweitern.

 

Abschließender Gedanke

Die schizoide Persönlichkeitsstörung ist kein Mangel an Menschlichkeit, sondern ein Ausdruck davon, dass Nähe und Emotion einst keinen sicheren Platz hatten.

Manche Menschen lernen früh, dass Rückzug Schutz bedeutet – und behalten diesen Schutz ein Leben lang.

 

Hast du Probleme mit Isolation, hast Probleme deine eigenen Gefühle oder die der anderen wahrzunehmen? Eine psychologische Beratung kann dir helfen

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