1. Paranoide Persönlichkeitsstörung
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1. Paranoide Persönlichkeitsstörung
Wenn Misstrauen zum inneren Lebensprinzip wird
Misstrauen gehört zum Menschsein dazu. Es hilft uns, Gefahren zu erkennen und Grenzen zu wahren. Doch wenn Misstrauen dauerhaft wird und sich auf fast alle Lebensbereiche ausdehnt, kann es zur inneren Belastung werden.
Bei der paranoiden Persönlichkeitsstörung kann genau dieses Muster über Jahre hinweg bestehen bleiben.
Was versteht man unter einer paranoiden Persönlichkeitsstörung?
Die paranoide Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch ein tief verankertes Muster von Misstrauen, Überempfindlichkeit und der Neigung, Erlebtes zu verdrehen.
Betroffene erleben ihre Umwelt häufig als feindlich, abwertend oder unfair – auch dann, wenn andere Menschen die Situation neutral wahrnehmen würden.
Wichtig:
Es handelt sich um eine ich-syntone Persönlichkeitsstörung. Das bedeutet, die betroffene Person empfindet ihr Denken und Handeln als logisch, richtig und gerechtfertigt. Ein eigenes „Problem“ wird meist nicht erkannt.
Dazugehörige Begriffe und Erscheinungsformen
Im Zusammenhang mit der paranoiden Persönlichkeitsstörung werden unter anderem folgende Begriffe verwendet:
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expansiv-paranoide Persönlichkeit
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fanatische Persönlichkeit
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querulatorische Persönlichkeit
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sensitiv-paranoide Persönlichkeit
Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Ausprägungen, die sich im Verhalten und Erleben zeigen können.
Diagnostische Kriterien
(orientiert an ICD-Leitlinien)
Für eine diagnostische Einordnung müssen mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum vorliegen:
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Übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Rückschlägen und Zurückweisungen
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Anhaltender Groll – Beleidigungen oder Kränkungen werden schwer oder gar nicht vergeben
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Ausgeprägtes Misstrauen, bei dem neutrale oder freundliche Handlungen anderer als feindlich oder verächtlich missdeutet werden
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Streitbarkeit und beharrliches, situationsunangemessenes Bestehen auf den eigenen Rechten
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Häufig ungerechtfertigtes Misstrauen gegenüber der Treue des Ehe- oder Sexualpartners
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Starke Selbstbezogenheit, oft verbunden mit überhöhter Selbstwahrnehmung
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Beschäftigung mit unbegründeten Gedanken an Verschwörungen zur Erklärung von Ereignissen in der näheren Umgebung
Wie zeigt sich das im Alltag?
Im Alltag kann sich die paranoide Persönlichkeitsstruktur sehr deutlich zeigen. Betroffene:
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fühlen sich schnell angegriffen oder beleidigt
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geraten häufig in Streit („Streithansel“)
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verzeihen anderen nur schwer
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erleben, dass „alle gegen sie sind“ oder sie gemobbt werden
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verdrehen erlebte Situationen so, dass sie zur eigenen Wahrnehmung passen
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bestehen stark auf ihrer eigenen Sichtweise und ihren Rechten
Ein bekanntes Beispiel aus der Praxis beschreibt es treffend:
Selbst die vom Baum gefallenen Blätter des Nachbarn werden als Provokation oder Angriff interpretiert.
Beziehungen und Partnerschaft
Gerade in engen Beziehungen zeigt sich diese Struktur besonders deutlich. Nähe bedeutet Vertrauen – und Vertrauen fällt schwer.
Typisch kann sein:
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starkes Misstrauen gegenüber dem Partner
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häufiges Infragestellen von Treue
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schnelles Gefühl von Kränkung
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hohe emotionale Reaktivität
Auch hier gilt: Das Erleben fühlt sich für die betroffene Person real und berechtigt an.
Ein Blick hinter das Misstrauen
Hinter der harten, misstrauischen Fassade liegt oft eine sehr hohe Verletzlichkeit.
Viele Betroffene reagieren so empfindlich, weil frühere Erfahrungen von Zurückweisung, Kränkung oder Unsicherheit innerlich nicht verarbeitet werden konnten. Misstrauen wird dann zu einer Schutzstrategie.
Therapie und Unterstützung
Psychotherapeutische Hilfe wird häufig nicht wegen der Persönlichkeitsstruktur selbst gesucht, sondern wegen begleitender Belastungen wie depressiven Verstimmungen oder psychosomatischen Beschwerden.
Therapeutisch steht im Vordergrund:
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das behutsame Hinterfragen von Wahrnehmungen
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die Arbeit an kognitiven Grundannahmen
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der Umgang mit den zugrunde liegenden Gefühlen von Unsicherheit und Kränkung
Abschließender Gedanke
Die paranoide Persönlichkeitsstörung ist kein Ausdruck von „Böswilligkeit“.
Sie ist oft das Ergebnis eines inneren Schutzsystems, das einmal notwendig war – und heute mehr schadet als hilft.
Verstehen ist der erste Schritt, um neue Wege möglich zu machen.
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